Posts mit dem Label Methodologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Methodologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 13. Februar 2022

Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis | der erste Band erschienen

Der erste Band der neuen Buchreihe "Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis" ist erschienen: Loer, Thomas (2021): Interviews analysieren. Eine Einführung am Beispiel von Forschungsgesprächen mit Hundehaltern. Wiesbaden: Springer VS [Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis] (s. hier und hier) || Der Band führt am Beispiel von Forschungsgesprächen mit Hundehaltern detailliert in die objektiv-hermeneutische Analyse von Interviews ein. Dabei werden auch Konstitutionstheorie und Methodologie so dargestellt, dass die Arbeit mit der Forschungsmethode Objektive Hermeneutik und ihr Erlernen fundiert und fasslich möglich ist. Dem für die Methode zentralen Prinzip der Sachangemessenheit folgt der Band, indem bei der Auswertung der Forschungsgespräche eine materiale Fragestellung bearbeitet wird: die Rekonstruktion von Habitusformation und Deutungsmuster von Hundehaltern und, im Zuge einer Strukturgeneralisierung, die begriffliche Bestimmung der Mensch/Hund-Beziehung. Die Darlegung setzt bei der Planung der Forschung an, behandelt die Fragen der Fallauswahl, der Selektion des Datentypus und der Erhebung, die spezifischen Fragen der Analyse von Interviews und die besondere Form der Ergebnisdarstellung. | Eine Liste publizierter objektiv-hermeneutischer Interviewanalysen und ein Glossar zu Begriffen der Objektiven Hermeneutik ergänzen die Darstellung. | Mit Exkursen… | …zu Begriff und Terminus der Interpretation …zur Relevanzregel …zur Nicht-Muttersprachlichkeit …zur Länge der Analyseeinheit …zum Terminus der Kommunikation …zur strukturellen Wahrscheinlichkeit …zur Unterscheidung von objektiver Bedeutung und objektivem Sinn …zum Duzen …zur Rezensregel …zum Principle of Charity …zum Adverb resp. zur Partikel ‚also‘ …zum Begriff der Habitusformation. || Weitere Bände zu verschiedenen Datentypen und Gegenständen werden folgen.

Dienstag, 19. Januar 2021

Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis – Eine Reihe von Lehrbüchern

Die Objektive Hermeneutik ist mittlerweile in der Soziologie und anderen Sozialwissenschaften weit verbreitet. Gleichwohl fehlt eine eingängige Gesamteinführung, die die Arbeit mit und das Erlernen der Forschungsmethode der Objektiven Hermeneutik fundiert und fasslich ermöglicht. Die Bedeutung der materialen Fragestellung für das methodische Vorgehen in der Objektiven Hermeneutik macht ein solches Unterfangen schwierig. Eine reine Methodeneinführung ist der Objektiven Hermeneutik nicht angemessen. Um den gleichwohl berechtigten vorhandenen Wünschen nach einer entsprechenden Einführung nachkommen und der Besonderheit der Objektiven Hermeneutik gerecht werden und also die Sachangemessenheit der Methode integral in ihre Darstellung aufnehmen zu können, wird ab diesem Jahr 2021 bei Springer VS in Wiesbaden eine Reihe von Lehrbüchern erscheinen, in denen die Einführung in die Objektive Hermeneutik jeweils an einem Beispiel, das aus materialen Forschungen hervorgegangen ist, erfolgt. Die einzelnen Lehrbücher präsentieren jeweils solche Beispiele mit dem Rahmen einer expliziten methodologischen Begründung versehen. In ihnen werden materiale Forschungsergebnisse bei gleichzeitiger expliziter Darstellung des Vorgehens dargelegt; auf diese Weise wird in die Grundlagen und Verfahren der Objektiven Hermeneutik eingeführt. Jede Ausgabe bietet auch Klärungen der konstitutionistheoretischen und methodologischen Einbettung und ermöglicht so ein tiefgreifendes Verständnis der Begründung des methodischen Vorgehens. Das setzt bei der Planung einer Forschung an, betrifft die Frage der Fallauswahl, der Selektion der Datentypen und der Erhebung, der spezifischen Fragen der Analyse der jeweiligen Datentypen der interpretativen Forschung und führt bis zur besonderen Form der Ergebnisdarstellung und des Transfers der gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis. Exemplarische Interpretationen machen dabei das jeweilige interpretatorische Vorgehen konkret deutlich und nachvollziehbar. In den systematischen Eingangskapiteln werden jeweils knapp die konstitutionstheoretischen und methodologischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik dargestellt, woraus sich die forschungs- und erkenntnislogischen Besonderheiten, die mit den unterschiedlichen Ausdrucksmaterialitäten und Protokolltypen verbunden sind, ergeben; diese werden in den einzelnen Ausgaben dann entsprechend konkretisiert. Als Moment der Erkenntnisgewinnung durch Strukturgeneralisierung, die als der Zielpunkt der interpretativen Analysen dargestellt wird, gilt auch die Ergebnisdarstellung, welche entsprechend vorgeführt wird. 

Jede Ausgabe der Lehrbücher wird ein Glossar enthalten, in dem die relevanten Begriffe knapp und prägnant erläutert werden; außerdem finden sich in den Büchern jeweils an entsprechender Stelle eingebaut Exkurse, die objekttheoretische Begriffe und Zusammenhänge (z. B.: zum Terminus ‚Kommunikation‘, zum Duzen) ebenso erläutern wie für das jeweilige Ausdrucksmaterial spezifische technische Begrifflichkeiten (z. B. zur Länge der Analyseeinheit, zur Relevanzregel). 

Da die Objektive Hermeneutik nicht nur für die wissenschaftliche Grundlagenforschung sondern auch für Aufgaben angewandter Forschung in besonderer Weise geeignet ist, werden voraussichtlich auch diesem – zunehmend relevant werdenden – Aspekt der Methode, der besondere Herausforderungen an Ökonomie in der Analyse und Suggestivität in der auf Transfer angelegten Ergebnisdarstellung stellt, eigene Ausgaben der Lehrbücher gewidmet. 

Skizze zum Aufbau der Bände

Einleitung: Zum Entstehungskontext der objektiven Hermeneutik 

Konstitutionstheoretische und methodologische Grundlagen 

Methodisches Vorgehen: Forschungsplanung (Dimensionaler Auswahlrahmen, Kontrastives Sampling, …); Feldzugang; Datenerhebung (Technik der Protokollierung, Pragmatik der Erhebung); Datentypen (natürliche vs. forschungsevozierte Handlungen – Überreste, Quellen, Denkmäler, … –, technische Aufzeichnung vs. interpretierende Dokumentation); Erhebungstypen (Forschungsgespräch vs. Typen von Interviews, Videoaufzeichnung, archivarische Erhebung von Dokumenten, Sammlung von Artefakten, rekonstruktive Beobachtung, Erhebung objektiver Daten); Datenaufbereitung (Problem der Flüchtigkeit und seine Lösung: Verschriftlichung, Videoinstrumente – Übersetzung ein Problem?); Datenauswertung (Pragmatische Rahmung und Fallbestimmung – Sequentialität der Datenauswertung – Sequentialität der Analyse einer Objektivation einer Praxis – Kontrastive und sequenzielle Rekrutierung von Fällen – Sequenzanalysen); Strukturgeneralisierung; Ergebnisdarstellung (Problem der begrifflichen Explizitheit und Prägnanz, Transparenz der Argumentation, Anonymisierung); Reflexion des methodischen Vorgehens  

Vorschläge für eigene (Lehr ) Forschungen, … 

Literatur 

Glossar 

Anhang: Auszug aus Datenmaterial, Fragebögen, weitere Informationen, … 

 • Digitales Zusatzmaterial: Video und Audiomaterial, weiteres (schriftliche, visuelles, akustisches) Datenmaterial, Fragebögen, weitere Informationen, Verlinkungen, … 

Bisher geplante Ausgaben 

• Forschungsgespräche, • Videographien, • Photographien, • Werke der bildenden Kunst I: Gemälde, • Kinderzeichnungen, • Literarische Texte, • Briefe, E-Mails,…, • Wissenschaftliche Texte, • Politische Texte, Debatten, …, • Werke der bildenden Kunst II: Skulpturen, • Protokolle gestalteter Räume I: Architektur, • Protokolle gestalteter Räume II: Dokumentation von Arbeitsplatzgestaltung, • Protokolle gestalteter Räume III: Landkarten, Luftaufnahmen, • Überreste, Artefakte, • …

Donnerstag, 8. November 2018

Sequenzanalyse

Die in der interpretativen Sozialforschung mittlerweile verbreitete Bezeichnung ‚Sequenzanalyse‘ (s. Maiwald 2005)*) meint häufig schlicht eine sequentielle Betrachtung von Protokollsegmenten, ohne dass diese in eine entsprechend methodologisch begründete Analyse mündete.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass die Sequenzanalyse nicht schlicht als Analyse von aufeinanderfolgenden Segmenten zu verstehen ist, sondern stets die – durch in der zu untersuchenden Praxis geltende Regeln konstituierten – Optionen zu entwerfen und die realisierte Option zu diesen in Relation zu setzen hat, um die Bedeutung dieser Auswahl bestimmen zu können. Erst wenn man die geltenden Regeln methodologisch würdigt, kann man bestimmen und begründen, welche Bedeutung ein Handlungssegment an einer bestimmten Sequenzstelle hat; dass etwa ein Sich-Kratzen oder ein Husten nicht lediglich „outbreaks of nature“ sind, sondern bedeutungshafte Momente der Handlungssequenz, kann man mit Hilfe der Relevanzregel nicht nur deskriptiv und quasi paraphrasierend aus den Reaktionen der Interaktionsbeteiligten ablesen (s. Knoblauch 2009: 187)**), sondern in ihrer objektiven Bedeutung bestimmen, womit auch das Darauf-nicht-Reagieren der Beteiligten eine bedeutungshafte Handlung darstellt.

Sequenzanalyse ist also konstitutionstheoretisch begründet und ohne diese Begründung nichts weiter als eine Verbrämung eines beliebigen (und beliebten) forschungspragmatischen Vorgehens. Methodologisch begründet ist die Sequenzanalyse in der Explikation des Gegenstandskonstitutivums der Sequentialität. Sequentialität menschlicher Praxis erschöpft sich nicht in schlichter temporaler Abfolge. Sequentialität ist vielmehr Ausfluss der Regelgeleitetheit von Handeln. In gebotener Kürze sei hier festgehalten, dass Regelgeleitetheit von Handeln einerseits bedeutet, dass dem Handelnden von den sein Handeln bestimmenden (nicht: determinierenden) Regeln Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden; dass andererseits dadurch, dass Handeln an Optionen eröffnenden Regeln orientiert ist, die Freiheit des Handelnden als Entscheidungsinstanz konstituiert wird. Handeln ist also Auswahl aus Optionen und genau dies erfasst der Begriff der Sequentialität.
Das Aufeinanderfolgen, das mit dem Terminus ‚Sequentialität‘ auf den Begriff gebracht wird, ist primordial ein Antworten auf Optionen eröffnende Handlungen bzw. Konstellationen und erst sekundär ein zeitliches.***)

*) Maiwald, Kai-Olaf (2005): Competence and Praxis: Sequential Analysis in German Sociology. In: FQS 3: Art. 31

**) Knoblauch, Hubert (2009): Social constructivism and the three levels of video analysis. In: Kissmann, Ulrike Tikvah (ed.): Video Interaction Analysis. Methods and Methodology.
Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang: 181-198

***) s: Loer, Thomas (2010): Videoaufzeichungen in der interpretativen Sozialforschung. Anmerkungen zu Methodologie und Methode. In: sozialer sinn 2 (11): 319-352; 229 f.