Donnerstag, 15. November 2018

Lesarten (Terminologie)

In der Objektiven Hermeneutik werden Lesarten u. a. danach unterschieden, in welchem Verhältnis sie zur zu analysierenden Ausdrucksgestalt stehen. Die erste (I) Unterscheidung ist diejenige danach, ob sie mit der Ausdrucksgestalt (a) kompatibel sind oder (b) nicht. Dabei können die Lesarten, die nicht mit der Ausdrucksgestalt kompatibel sind, – wenn sie im Zuge der Interpretation überhaupt auftauchen – relativ rasch ausgeschieden werden.

ad Ib
Beim zu analysierenden Protokoll handelt es sich um eine Videoaufzeichnung, die ein fahrendes Auto zeigt, in dem ein Mann zu erkennen ist, der die Hände am Steuer hat.*) Mit der Ausdrucksgestalt nicht kompatibel ist etwa die Lesart, es handele sich in Wirklichkeit um einen Mann in der Badewanne; diese kann einfach ausgeschlossen werden. Dass solche Lesarten überhaupt auftauchen, kann an einer ideosynkratischen Assoziation liegen, die als ideosynkratische und als bloße, in individuell besonderer Erfahrung fundierte Assoziation objektive Geltung nicht beanspruchen kann.

Die zweite (II) Unterscheidung ist diejenige danach, ob die Lesart von der Ausdrucksgestalt (a) "erzwungen" ist oder (b) nicht. Dabei sind diejenigen Lesarten, die mit der Ausdrucksgestalt kompatibel, aber nicht von ihr "erzwungen" sind, für die Analyse problematisch.

Ulrich Oevermann schreibt hierzu:
"Schwieriger ist demgegenüber der Umgang mit Lesarten, die zwar mit einer zu analysierenden Ausdrucksgestalt kompatibel sind, aber von dieser nicht im Sinne einer lückenlosen Ableitung von deren immanenten Markierungen erzwungen sind. Diese Lesarten, für die gilt, dass sie der 'Fall sein können, aber nicht sein müssen', sind im Sinne des schon genannten Wörtlichkeitsprinzips unbedingt zu vermeiden, denn sie 'vermüllen' die Analyse so wie degenerative Zusatzhypothesen eine Erklärung nur trüben. Diese Unterscheidung von zwar kompatiblen, aber nicht zwingenden Deutungen von solchen, die sich aus den Eigenschaften der Ausdrucksgestalt zwingend ableiten lassen, so dass für sie entweder gilt, dass sie nicht der Fall sein können, oder noch besser: der Fall sein müssen, ist außerordentlich wichtig und schwieriger zu realisieren als das Urteil über die Kompatibilität einer Lesart mit der gegebenen Ausdrucksgestalt. Die Beachtung dieser Unterscheidung ist für die Erklärungskraft der Analysen aber entscheidend und ermöglicht erst eine strikte Falsifikation."*)

ad Ia/IIb
Nehmen wir unser obiges Beispiel, so wäre die Lesart: "Im Auto sitzt ein Affe im Fußraum, der das Auto eigentlich steuert", mit der Ausdrucksgestalt kompatibel (Ia), aber nicht von ihr "erzwungen" (IIb).
Nun ist die Rede von "erzwungenen" bzw. "nicht erzwungenen" Lesarten m.E. irreführend, legt sie doch nahe, man könne gar nicht umhin, erstere zu bilden. Die von Oevermann verwendete Terminologie hängt zusammen mit der im zitierten Text auch zu findenden Rede von "zwingenden Deutungen". Dass eine Deutung zwingend ist, ist aber eine Feststellung, die nach dem Vorbringen dieser Deutung am Text geprüft wird, und sagt nichts darüber aus, woher diese Deutung stammt – ob die Ausdrucksgestalt sie etwa "erzwungen" hat.

Wenn wir stattdessen Lesarten danach unterscheiden, ob sie von der Ausdrucksgestalt indiziert sind oder nicht, können wir die irreführende Rede vermeiden.

ad Ia/IIa
Die vom Protokoll indizierte Lesart ist diejenige: "Der Mann steuert das Auto."

Eine Indikation ist von der Ausdrucksgestalt her zu denken: Die Ausdrucksgestalt zeigt etwas an, was dann "sich aus den Eigenschaften der Ausdrucksgestalt zwingend ableiten" lässt. Bloße Assoziationen sind hingegen der Ausdrucksgestalt unterlegt, und nicht von ihr angezeigt. – Das teilt der Terminus "indiziert" mit dem Terminus "erzwungen".
Aber: Was der Text anzeigt, muss vom Interpreten erst entdeckt, aufgedeckt werden. – Das unterscheidet den Terminus "indiziert" vom Terminus "erzwungen".

Insofern schlage ich vor, für die Unterscheidung von Lesarten neben der Rede davon, ob sie mit der Ausdrucksgestalt kompatibel sind, die Formulierung zu verwenden, ob sie von der Ausdrucksgestalt indiziert sind.


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*) Ich benutze ein von Ulrich Oevermann in Lehrveranstaltungen oft verwendetes Beispiel.

**) Oevermann, Ulrich (2013): Objektive Hermeneutik als Methodologie der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt. In: Langer, Phil C.; Kühner, Angela; Schweder, Panja (ed.), Reflexive Wissensproduktion. Anregungen zu einem kritischen Methodenverständnis in qualitativer Forschung, Wiesbaden: Springer Fachmedien, 69-98; hier 96 f.

Donnerstag, 8. November 2018

Sequenzanalyse

Die in der interpretativen Sozialforschung mittlerweile verbreitete Bezeichnung ‚Sequenzanalyse‘ (s. Maiwald 2005)*) meint häufig schlicht eine sequentielle Betrachtung von Protokollsegmenten, ohne dass diese in eine entsprechend methodologisch begründete Analyse mündete.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass die Sequenzanalyse nicht schlicht als Analyse von aufeinanderfolgenden Segmenten zu verstehen ist, sondern stets die – durch in der zu untersuchenden Praxis geltende Regeln konstituierten – Optionen zu entwerfen und die realisierte Option zu diesen in Relation zu setzen hat, um die Bedeutung dieser Auswahl bestimmen zu können. Erst wenn man die geltenden Regeln methodologisch würdigt, kann man bestimmen und begründen, welche Bedeutung ein Handlungssegment an einer bestimmten Sequenzstelle hat; dass etwa ein Sich-Kratzen oder ein Husten nicht lediglich „outbreaks of nature“ sind, sondern bedeutungshafte Momente der Handlungssequenz, kann man mit Hilfe der Relevanzregel nicht nur deskriptiv und quasi paraphrasierend aus den Reaktionen der Interaktionsbeteiligten ablesen (s. Knoblauch 2009: 187)**), sondern in ihrer objektiven Bedeutung bestimmen, womit auch das Darauf-nicht-Reagieren der Beteiligten eine bedeutungshafte Handlung darstellt.

Sequenzanalyse ist also konstitutionstheoretisch begründet und ohne diese Begründung nichts weiter als eine Verbrämung eines beliebigen (und beliebten) forschungspragmatischen Vorgehens. Methodologisch begründet ist die Sequenzanalyse in der Explikation des Gegenstandskonstitutivums der Sequentialität. Sequentialität menschlicher Praxis erschöpft sich nicht in schlichter temporaler Abfolge. Sequentialität ist vielmehr Ausfluss der Regelgeleitetheit von Handeln. In gebotener Kürze sei hier festgehalten, dass Regelgeleitetheit von Handeln einerseits bedeutet, dass dem Handelnden von den sein Handeln bestimmenden (nicht: determinierenden) Regeln Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden; dass andererseits dadurch, dass Handeln an Optionen eröffnenden Regeln orientiert ist, die Freiheit des Handelnden als Entscheidungsinstanz konstituiert wird. Handeln ist also Auswahl aus Optionen und genau dies erfasst der Begriff der Sequentialität.
Das Aufeinanderfolgen, das mit dem Terminus ‚Sequentialität‘ auf den Begriff gebracht wird, ist primordial ein Antworten auf Optionen eröffnende Handlungen bzw. Konstellationen und erst sekundär ein zeitliches.***)

*) Maiwald, Kai-Olaf (2005): Competence and Praxis: Sequential Analysis in German Sociology. In: FQS 3: Art. 31

**) Knoblauch, Hubert (2009): Social constructivism and the three levels of video analysis. In: Kissmann, Ulrike Tikvah (ed.): Video Interaction Analysis. Methods and Methodology.
Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang: 181-198

***) s: Loer, Thomas (2010): Videoaufzeichungen in der interpretativen Sozialforschung. Anmerkungen zu Methodologie und Methode. In: sozialer sinn 2 (11): 319-352; 229 f.

ad "objektive Daten"

Da in der Objektiven Hermeneutik nach wie vor der – missverständliche – Terminus "objektive Daten" verwendet wird, möchte ich folgende terminologische Klärung zur Diskussion stellen:

»Es handelt sich hier […] um eine Bestimmung des Datentypus von seiner Erhebungsform her: der möglichen Erhebung aus Quellen, die nicht nur vom Fall sondern überhaupt von subjektiver Selektivität unabhängig sind: „Dazu gehören das Geburtsdatum, Geburtsort, Geschlecht, Wohnort, Ausbildung, Beruf, Heiratsdaten, Kinderzahl, Einwohnerzahlen, Wohnraumaufteilung und dergleichen.“ (Allert 1993: 332)*) Dabei müssen die Daten nicht aktuell faktisch so erhoben worden sein […], sie müssen aber grundsätzlich anhand solcher unabhängiger Quellen überprüfbar sein. Die begriffliche Bestimmung der als objektive bezeichneten Daten, wie sie von Oevermann und nachfolgend hier von Allert vorgenommen wurde, ist konsistent und ausreichend. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Ausdruck ‚objektive Daten‘ terminologisch hinreichend prägnant ist. So legt der Terminus es ja durchaus nahe, den ‚objektiven Daten‘ ‚subjektive Daten‘ zur Seite stellen zu wollen.[Dazu hat sich etwa Boris Zizek verführen lassen (2012).**)] Die Rede von subjektiven Daten ist aber in sich unsinnig, da Daten die Grundlage methodischer Analysen bieten und methodologisch die Objektivität der Daten: die „Objektivität des Protokolls“ (Oevermann 2004)***), unabdingbar ist. Was auch immer also ‚subjektive Daten‘ sein mögen, für eine methodische Rekonstruktion sind sie unerheblich. Deshalb schlagen wir vor, diejenigen Daten, die unabhängig von subjektiver Selektivität erhoben und mittels unabhängiger Testate überprüft werden können, mit dem Terminus ‚testierbare Daten‘ auf den Begriff zu bringen. Damit ist auch klar, was Allert fortfahrend formuliert: „Bei der Rekonstruktionsarbeit interessieren die Daten nun nicht an sich, vielmehr aufgrund der Annahme, daß die hierin objektivierten Lebensumstände auf lebenspraktische Entscheidungen verweisen, die sich zu einer Typik des Handelns sukzessive verdichten. Das Verhältnis von objektiver Möglichkeit und faktisch gewählter Option unterliegt selbst wiederum einem kumulativen Prozeß. In dieser Kumulation liegt die objektive Einzigartigkeit eines biographischen Verlaufs.“ (Allert 1993: 332)« (Loer 2015: 303)****)

*) Allert, Tilman (1993): Familie und Milieu. Die Wechselwirkung von Binnenstruktur und Außenbeziehung am Beispiel der Familie Albert Einsteins. In: Jung, Thomas; Müller-Doohm, Stefan (ed.), „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 329-357; hier: 332
**) Zizek, Boris (2012): Vollzug und Begründung, objektive und subjektive Daten – Eine Parallele?. In: sozialer sinn 1 (13): 39-56
***) Oevermann, Ulrich (2004): Objektivität des Protokolls und Subjektivität als Forschungsgegenstand. In: ZBBS 2: 311-336
****) Loer, Thomas (2015): Diskurspraxis – Konstitution und Gestaltung. Testierbare Daten – Methodologie der Rekonstruktion. Objektive Hermeneutik in der Diskussion. In: sozialer sinn 2 (16): 291-317

Donnerstag, 18. Oktober 2018

avenidas – zum Gedicht von Eugen Gomringer

nun erschienen:

Loer, Thomas (2018): Das Gedicht an der Wand. Analyse des Gedichts avenidas von Eugen Gomringer sowie seiner öffentlichen Präsentation. In: sozialer sinn 19/1: 191-226

Zusammenfassung

Um ein Gedicht von Eugen Gomringer, das an einer Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin angebracht worden war, gab es eine umfangreiche öffentliche Debatte. Dabei wurde lediglich der Inhalt des Gedichts berücksichtigt: als diskriminierend, da in ihm Frauen als Gegenüber der Bewunderung erwähnt werden. Und die Verteidiger der Anbringung an der Wand sahen lediglich darin, dass das Gedicht so, d. h. aus Gründen der political correctness abgelehnt wurde, abstrakt einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit der Kunst im allgemeinen. Das Gedicht qua Gedicht spielte keine Rolle. Ob und ggf. warum das Gedicht zu Recht als „eines der bedeutenden Gedichte der modernen Lyrik“ gilt und was eigentlich die pragmatische Rahmung der Präsentation für ein Gedicht bedeutet, blieb ungefragt. Zur Beantwortung dieser nicht unerheblichen Fragen wird in dem vorliegenden Beitrag zunächst das Gedicht selbst analysiert und dann die pragmatische (Um-) Rahmung untersucht. Beide Analysen verfahren nach der Methode die Objektive Hermeneutik. Dabei zeigt sich, dass es sich bei dem Gedicht um ein autonomes Kunstwerk handelt, das dem Leser Welt eröffnet. In der Präsentation aber wie in der Debatte darum wird es auf eine seinen Werkcharakter missachtende und es so ruinierende Weise instrumentalisiert. Dazu trägt auch bei, dass das im Gedicht thematische Geschlechterverhältnis über den Gender-Leisten der Geschlechterdiskriminierung geschlagen wird, wodurch die Dimensionen der Geschlechterspannung, die in dem Gedicht nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern zugleich in einer sinnlichen Gestalt als konkrete Reziprozität erfahrbar gemacht werden, auf eine: die der Ungleichheit, reduziert werden. Diese Reduktion wird durch das Gedicht, aber durch seine plakative Präsentation nahegelegt; diese macht, was die Debatte dann aufnimmt, aus dem Gedicht – so oder so – ein Menetekel und setzt es herab zum geistlosen Götzen der leerlaufenden Aufmerksamkeit.

Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung – als Buch erschienen

Der Studienbrief ist nun als Buch erschienen:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas (ed.) (2018): Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS

Hier der Inhalt:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas
Von der Forschungsfrage über Feld und Fall zur Theorie – Zur Einleitung (1-56)

Wernet, Andreas
Wie kommt man zu einer Fallstrukturhypothese? (57-84)

Funcke, Dorett
Die Gleichgeschlechtliche Inseminatinosfamilie. Gegenstandsbestimmung, Dimensionsanalyse und Methodisches (85-126)

Bohler, Karl Friedrich
Eine Fallgeschichte im Feld sozialer Hilfen (127-156)

Franzmann, Andreas
Objektiv-hermeneutische Falldiagnostik im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe (157-192)

Jung, Matthias
Die Analyse materieller Kultur mit der Methode der Objektiven Hermeneutik (193-216)

Maiwald, Kai-Olaf
Stand by Me: Was können Fotografien über Paarbeziehungen aussagen? (217-254)

Liebermann, Sascha
„…ich möchte unabhängig sein…“ Autonomie in der öffentlichen Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine exemplarische Deutungsmusteranalyse (255-288)

Twardella, Johannes
Über die Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts und die dabei auftretenden methodologischen Probleme (289-327)

Münte, Peter
Verlaufsformen fallrekonstruktiver Forschung: Methodologische Reflexion einer Untersuchung zum Berufshabitus von Umweltmediatoren (329-370)


Mittwoch, 31. Januar 2018

avenidas – zum Gedicht von Eugen Gomringer

Eine vorläufige Analyse des von den Studenten inkriminierten Gedichts "avenidas" von Eugen Gomringer, das die Alice-Salomon-Hochschule auf ihrer Fassade präsentierte und das nun übermalt werden soll, sowie eine vorläufige Analyse der Präsentation finden sich in folgendem Manuskript:

Loer, Thomas (2018): Avenidas de mundo. Analyse eines Gedichts von Eugen Gomringer. Overberge (Tpskr.; Fassung vom 3. Febr. 2018, 11:54; 13 S.)

Es wurde mittlerweile eingereicht:
Loer, Thomas (2018): Das Gedicht an der Wand. Analyse des Gedichts avenidas von Eugen Gomringer sowie seiner öffentlichen Präsentation. Overberge (Tpskr.; 16 S.; überarbeitete Fassung (v_3) eingereicht bei sozialersinn am 16. Febr. 2018)

Mittwoch, 24. Januar 2018

Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung – Studienbrief in zweiter Auflage erschienen

Funcke, Dorett; Loer, Thomas (ed.) (2., aktual. u. erweit. Aufl. 2018): Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung. Hagen: Fernuniversität Hagen (Studienbrief der FernUniversität Hagen)


Inhaltsverzeichnis

Dorett Funcke/Thomas Loer
Von der Forschungsfrage über Feld und Fall zur Theorie – Zur Einleitung 1

Andreas Wernet
Wie kommt man zu einer Fallstrukturhypothese? 48

Dorett Funcke
Die gleichgeschlechtliche Inseminationsfamilie. Gegenstandsbestimmung, Dimensionsanalyse und Methodisches 71

Karl Friedrich Bohler
Eine Fallgeschichte im Feld sozialer Hilfen 105

Andreas Franzmann
Objektiv-hermeneutische Falldiagnostik im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe 129

Matthias Jung
Die Analyse materieller Kultur mit der Methode der Objektiven Hermeneutik 158

Kai-Olaf Maiwald
Stand by Me: Was können Fotografien über Paarbeziehungen aussagen? 179

Sascha Liebermann
„…ich möchte unabhängig sein…“ Autonomie in der öffentlichen Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine exemplarische Deutungsmusteranalyse 211

Johannes Twardella
Über die Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts und die dabei auftretenden methodologischen Probleme 238

Peter Münte
Verlaufsformen fallrekonstruktiver Forschung: Methodologische Reflexion einer Untersuchung zum Berufshabitus von Umweltmediatoren 271

Autoren und Herausgeber 305


Der Aufbau des Studienbriefs [aus der Einleitung]

Die im Studienbrief versammelten Beiträge sollen eine praktische Arbeitshilfe sein. Sie sollen Studenten und allen anderen, die innerhalb des Paradigmas der hermeneutisch-fallrekonstruktiven Sozialforschung arbeiten, helfen, ihre eigene Forschung durchzuführen. Einzelne Schritte in einem Forschungsprozess, die mit Fragen verbunden sind wie: Was ist meine Forschungsfrage? Was ist der Gegenstand meiner Untersuchung? Was ist der Fall? Worin besteht das Feld möglicher Fälle? Was sind die Auswahlkriterien für die Fälle, die in die Analyse eingehen? Welche Strukturebenen gehen in die Analyse ein? Welche Datentypen gehen wie in die Analyse ein? Wie komme ich von der Fallstruktur zur Strukturgeneralisierung? Wie komme ich von der Strukturgeneralisierung zu einer Typologie? werden in den einzelnen Beiträgen des Studienbriefs veranschaulicht, problematisiert und diskutiert. Dem Leser soll so ermöglich werden, sich durch eine Fokussierung auf ausgewählte Aspekte mit Problemlösungen vertraut zu machen, die unausweichlich für ein Forschungsanliegen sind, das über den einzelnen Fall hinaus geht und darauf zielt, über die Anwendung von Generalisierungsoperationen ein höheres Abstraktionsniveau zu erreichen, das zum Beispiel in einer Typologie seinen Ausdruck findet. Des Weiteren wird im Durchgang durch die einzelnen Beiträge verdeutlicht werden, dass sich zum einen mit dem fallrekonstruktiven Forschungsansatz Forschungsfragen aus ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen und Praxisfeldern beantworten lassen. Ein bei der Rekonstruktion von Fällen ansetzendes Forschungsverfahren ist keineswegs nur begrenzt auf bestimmte Themenschwerpunkte. Es handelt sich um ein Verfahren der Erkenntnisgewinnung, das in der Lage ist, Forschungsgegenstände aus so unterschiedlichen Untersuchungsfeldern zu erschließen wie der Schulpädagogik (Johannes Twardella), der Sozialen Arbeit (Karl Friedrich Bohler, Andreas Franz-mann), der Paar- und Familienforschung (Kai-Olaf Maiwald, Dorett Funcke, Andreas Wernet), der Umweltmediation (Peter Münte), der Sozialpolitik (Sascha Liebermann) oder der Archäologie (Matthias Jung) – um nur einige zu nennen, die in diesen Studienbrief eingegangen sind. Zum anderen soll gezeigt werden, dass fallrekonstruktive Forschungsarbeit auch bedeutet, mit ganz unterschiedlichen Datensorten arbeiten zu können. Soziale Tatsachen auf der Grundlage von Gebilden, die als Fälle bezeichnet werden, zu rekonstruieren, heißt, dass so verschiedene Daten wie Interviews mit einzelnen Personen, Paaren aber auch Familien, Experteninterviews, Gruppendiskussionen, Photographien, archäologische Objekte, Tonaufzeichnungen von Schulstunden und verschiedene andere Dokumentenformate (wie z. B. Briefe und Jugendamtskaten) in die Analyse eingehen können.

Der Studienbrief wird eröffnet mit zwei Beiträgen aus der Familienforschung. Andreas Wernet veranschaulicht am Beispiel an einer Interaktionssequenz zwischen Vater, Mutter und Tochter anlässlich eines Weihnachtsmarktbesuchs den Prozess der Formulierung einer Fallstrukturhypothese. Es wird gezeigt, dass die allmähliche, fallrekonstruktive Erschließung einerseits in detaillierter Analyse des Interaktionsprotokolls erfolgt; der Interpretationsprozess erscheint so als fortschreitende Verdichtung einer Fallstrukturhypothese. Andererseits wird ausgeführt, dass in diesem Prozess zugleich eine Theoriebildung erfolgt, indem die empirischen Rekonstruktionen in einen Verweisungszusammenhang zu einer fallübergreifenden Theoriesprache gerückt werden, so dass die theoretischen Modelle ihrerseits wiederum zur sinnverstehenden Erschließung beitragen. Am Ende des Beitrages werden einige methodologische Implikationen der Beispielinterpretation diskutiert. In dem Beitrag von Dorett Funcke geht es um Forschungsschritte auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung, die in der Regel eine erste Phase im Forschungsprozess ausmachen. Mit Bezug auf den Forschungsgegenstand „Familie“ werden Fragen behandelt, die die Gegenstandsbestimmung betreffen, die Bestimmung eines Feldes möglicher Fälle durch eine Dimensionsanalyse und die Auswahl von Datentypen auf dem Weg zur Fallrekonstruktion. Im Zentrum steht dabei eine alternative Lebensform, in der gleichgeschlechtliche Frauenpaare mit über (einem) anonyme Samenspende entstandenen Kind(ern) zusammenleben. Diese wird daraufhin untersucht, ob es sich bei der sogenannten Inseminationsfamilie um einen Typus von Familie handelt, um einen Fall von Familie.

Das Gemeinsame der folgenden Beiträge von Andreas Franzmann und Karl Friedrich Bohler ist ihr thematischer Schwerpunkt in einem Bereich der Sozialen Arbeit, den der Kinder- und Jugendhilfe. Im Zentrum von Andreas Franzmanns Beitrag steht die Frage, wie in der Jugendhilfe ein Fall zum Fall wird und welche praxisgeleiteten Bedingungen die methodischen Operationen der Falldiagnose leiten. Geschildert werden die verschiedenen Erkenntnisinteressen an einer Fall-diagnose, die aus den unterschiedlichen Zuständigkeiten von Jugendämtern, Trägern der Jugendhilfe und erzieherischem Personal, das mit den Kindern arbeitet, erwachsen und die daraus sich ergebenden Schwierigkeiten eines kooperativen Arbeitsbündnisses. Am Beispiel der Sequenzanalyse eines Briefes wird anhand einer konkreten Praxis eines Jugendhilfeträgers veran-schaulicht, wie Falldiagnosen nicht nur bei der Erstaufnahme von Kindern, sondern in einer laufenden Betreuung im erzieherischen Alltag zum Einsatz kommen können. Karl Friedrich Bohler zeichnet in seinem Beitrag anhand einer Fallgeschichte im Feld sozialer Hilfen nach, wie differen-ziert sich die Praxis der Sozialen Arbeit in der rekonstruktiv-hermeneutischen Sozialforschung darstellt. Orientiert an der konditionellen Matrix von Anselm Strauss werden insgesamt acht Ebenen unterschieden, die als Bedingungsfaktoren in der Analyse zu beachten sind, um einen Hilfefall bzw. Hilfeprozess in der Kinder- und Jugendhilfe zur Gänze nachzeichnen zu können. Die im Beitrag im Durchgang durch einen Fall zur Anschauung gebrachte Form einer konditio-nellen Matrix im Feld sozialer Hilfen wird gezeigt einerseits als Resultat der fallrekonstruktiven Forschung; andererseits als strukturerschließende Heuristik, die – unmittelbar auf jeden Fall im selben Praxisfeld – einen neuen Untersuchungsgegenstand zu erschließen und bereits vorliegen-de Wissensbestände zu systematisieren vermag.

Durch die folgenden Beiträge von Kai-Olaf Maiwald, Matthias Jung, Sascha Liebermann und Johannes Twardella wird u.a. deutlich werden – auch wenn die verschiedenen Schritte auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung in so unterschiedlichen Bereichen wie Paarforschung (Maiwald), Sozialarchäologie (Jung), Politische Soziologie (Liebermann) und Unterrichtsforschung (Twardella) behandelt werden – mit welcher Vielfalt an Datensorten in der hermeneutisch-fallrekonstruktiven Sozialforschung gearbeitet werden kann. In dem Beitrag von Kai-Olaf Mai-wald wird exemplarisch anhand eines künstlerischen Paarportraits gezeigt, wie man Photographien für eine paarsoziologische Analyse methodisch nutzen kann. Dabei wird zunächst der „Protokollstatus“ dieses besonderen Datenmaterials bestimmt, um zu klären, welche soziale Praxis in ihm zum Ausdruck kommt. Um dem methodischen Fehlschluss zu entgehen, die Paarbeziehung sei auf einer Photographie irgendwie „unmittelbar“ abgebildet, ist es vor allem wichtig zu berücksichtigen, dass Fotografieren und Fotografiert-Werden eine Sozialbeziehung darstellt; eine Sozialbeziehung, die zudem in gewissermaßen doppelter Weise relevant wird: als Face-to-Face- und als Face-to-Lense Beziehung. Vor diesem Hintergrund wird das vorliegende Paarportrait als Ausdruck der Auseinandersetzung mit einem besonderen Handlungsproblem interpretiert: dem Problem der Selbstdarstellung als (besonderes) Paar. In der sukzessiven Analy-se der Positionierung der Personen, ihrer Positur, ihrer Gesten und Accessoires wird herausgear-beitet, in welcher spezifischen und zeitgebundenen Art und Weise die fotografierten Personen „zueinander stehen“. Im Beitrag von Sascha Liebermann geht es um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und die Diskussion, die seit etwa 2004 in der Öffentlichkeit geführt wird und in der viele Fragen aufgeworfen werden. Eine jedoch steht im Zentrum der Auseinan-dersetzungen. Es ist diejenige um das Verständnis von Autonomie. Sie wird in der Diskussion nicht selten so beantwortet, als hänge die Haltung zum BGE vom Menschenbild ab, das jemand habe. Praktisch gedacht, mag dies naheliegen, erlaubt aber keine Erklärung dafür, woher eine solche Haltung rührt und wie sie sich zum einen zur Struktur von Lebenspraxis, zum anderen zur politischen Ordnung und ihren Voraussetzungen verhält. Letzteres herauszufinden ist Gegen-stand dieses Beitrags, der auf der Basis einer Passage aus einem verschrifteten Vortrag der Bun-desminsterin Andrea Nahles anlässlich der Konferenz re:publica ihr Deutungsmuster zu Auto-nomie herausarbeitet und es ins Verhältnis zur Struktur von Lebenspraxis sowie der in Deutschland geltenden politischen Ordnung setzt. Neben der erstaunlichen Diskrepanz zwischen Handlungsprämissen und Deutungsmuster, die sich in der Analyse zeigt, fällt Nahles‘ außerordentlich ambivalentes Verhältnis zum „Staat“ und politischen Handeln auf, das geradezu anarchistisch radikale Züge hat. Das vorherrschende, wenngleich durchaus widersprüchliche Deutungsmuster von Autonomie besteht darin, Autonomie als Verfügbarkeit über Geld zu begreifen, das sie von anderen unabhängig mache. Dieses abstrakte Verständnis von Autonomie richtet sich damit gegen jede lebenspraktische Verflochtenheit, die nicht hintergehbar ist, denn sowohl in gesellschaftlichen (Arbeitsteilung) wie in gemeinschaftlichen Sozialbeziehungen (Gattenbeziehung, Gemeinwesen) ist eine solche Autonomie ohne Abhängigkeit realisierbar. In dem Beitrag von Matthias Jung geht es um die Analyse von Zeugnissen materieller Kultur, also um konkrete Gegenstände. Diskutiert wird, wie der spezifischen Verfasstheit des Gegenstandsberei-ches Rechnung getragen werden kann, wie sich Auswahl- und Entscheidungsparameter in ihm darstellen, und wie die sequenzanalytischen Interpretationsprinzipien berücksichtigt werden können. Als theoretische Anleihen hilfreich erweisen sich dabei der pragmatistische Bedeu-tungsbegriff von Charles Sanders Peirce, der die Bedeutung eines Gegenstandes als Generalisie-rung seiner möglichen praktischen Verwendungen konzipiert, sowie das Affordanzkonzept aus der Wahrnehmungspsychologie James Gibsons, das auf den „Aufforderungscharakter“ von Ob-jekten Bezug nimmt und mittels dessen sich die Fülle der objektiven Möglichkeiten eines Ge-brauchs auf diejenigen eingrenzen lässt, die sie tatsächlich von sich aus nahelegen. Als Fallbeispiel fungiert ein archäologisches Objekt, ein bronzenes Möbel aus dem eisenzeitlichen, im 6. Jahrhundert v.Chr. angelegten Grab von Eberdingen Hochdorf (Kr. Ludwigsburg). Der Beitrag von Johannes Twardella befasst sich mit methodologischen Fragen, die bei der Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts aufgetreten sind. Das Besondere an dieser Theorieentwicklung, deren Datengrundlage Notate von Unterrichtsstunden sind, ist, dass sie den Anspruch erheben kann – im Gegensatz zu einer Vielzahl von Theorien des Unterrichts – in dem Sinne empirisch fundiert zu sein, dass sie aus der Rekonstruktion des alltäglichen Unterrichts hervorgegangen ist. In dem Beitrag wird zunächst die Forschungsfrage expliziert. Dann wird der Frage nach der adäquaten theoretischen Modellierung von Unterricht nachgegangen und die Frage aufgegriffen, welche Methode für die Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts geeignet ist. Der Fokus liegt sodann auf der Frage, wie von der Rekonstruktion ausgewählter Fälle zu einer materialen Theorie des Unterrichts gelangt werden kann. Die Antwort wird in dem Entwurf einer Typologie gesehen, mit deren Hilfe schließlich auch die Ausgangsfrage nach der Möglichkeit einer allgemeinen Theorie des Unterrichts beantwortet werden kann.

Der Studienbrief schließt mit einem Beitrag von Peter Münte, in dem skizziert wird, wie sich die Umweltmediation – ein Verfahren, das in den USA entwickelt wurde und seit den 1990er Jahren auch in Deutschland bei der Auseinandersetzung über umstrittene Infrastrukturvorhaben angewendet wird – als Gegenstand fallrekonstruktiver Forschung einrichten lässt. In Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf eines Forschungsvorhabens zum Berufshabitus von Umweltmediatoren wird gezeigt, wie sich eine (vorläufige) Ausgangshypothese entwickeln lässt, mit der die untersuchte Tätigkeit einem universalen Problemfokus humaner Sozialität zugeordnet und in einem bestimmten Kontext der Entwicklung der modernen Gesellschaft ansiedelt werden kann. Es wird außerdem gezeigt, inwiefern diese Ausgangshypothese bei der anschließenden Materialanalyse in Schwierigkeiten führt und wie diese behoben werden können. Ziel des Beitrags ist zu verdeutlichen, dass gerade das Scheitern einer den Forschungsprozess strukturierenden Ausgangshypothese für die Gegenstandserschließung fruchtbar sein kann.

Dass der Studienbrief Beiträge mehrerer Autoren enthält, erleichtert folgenden Aufgaben gerecht zu werden: (a) dem Leser die Möglichkeit zu geben, nachzuvollziehen, wie einzelne Schritte auf dem Pfad der fallrekonstruktiven Sozialforschung aussehen, wenn es darum geht, die Entwicklung einer Theorie bzw. verallgemeinernde Aussagen über den einzelnen Fall hinaus, anzustreben; (b) ihm einen Einblick in die Vielfalt der Gegenstandsbereiche zu geben, in denen mit einem hermeneutisch-fallrekonstruktiven Forschungsansatz gearbeitet werden kann; und (c) ihm zu zeigen, dass und wie mit unterschiedlichen Datentypen gearbeitet werden kann. Um eine möglichst große Bandbreite von Fragestellungen abzudecken, die mit einem fallrekonstruktivem Forschungsanliegen verbunden sind, wurde eine Reihe von Themen zusammengestellt, die wie einzelne Etappen auf einer Reise den Weg hin zu einer materialen Theorie anzeigen. Die Autoren konzentrieren sich dementsprechend in ihrem Beitrag jeweils auf einen bzw. auf eine Auswahl von Schwerpunkten.

Das Gemeinsame der im vorliegenden Studienbrief versammelten Beiträge, die durch ihre jeweilige Schwerpunktsetzung den Lichtkegel auf einen oder mehrere Forschungsschritte richten, besteht darin, dass sie keine rein theoretischen Darstellungen beinhalten. Wenn Methodologisches oder Strukturtheoretisches verhandelt wird, dann jeweils knapp und mit Bezug auf die empirische Analyse von Fällen. Diese kann, je nachdem, worauf der Beitrag den Akzent setzt, kleinschrittig oder exemplarisch erfolgen, oder aber auch nur indirekt in die Darstellung eingehen, führen doch die einzelnen Beiträge wie in einem Chor, der durch verschiedene Stimmen getragen wird, ein gemeinsames Werk auf. Erst zusammengelesen bringen sie zur Anschauung, was fallrekonstruktives Forschen mit dem Ziel, Theorien, insofern sie nicht bloß bestätigt werden, zu bilden oder umzubilden, ausmacht und wie es geht, welche Schwierigkeiten auftauchen und wie sie gelöst werden.