Dienstag, 2. April 2019

Die zwei verschiedenen Rollen testierbarer Daten in der Analyse

Kürzlich haben wir hier den terminologischen Vorschlag gemacht, jene Daten, die in der Objektiven Hermeneutik sonst ›objektive Daten‹ genannt werden, ›testierbare Daten‹ zu nennen. Nun hat sich in der weiteren Beschäftigung mit diesem Datentypus anlässlich einer auf Einladung von Andreas Wernet am 6. März 2019 in Hannover durchgeführten Arbeitssitzung unter dem Titel »Zum Konzept der Ausdrucksgestalt in methodologischer und methodischer Hinsicht«*) eine Unklarheit im Umgang mit Daten dieses Typus herausgestellt, die ich hier benennen und beseitigen möchte.

Nach wie vor kann Tilman Allerts von uns zitierte Bestimmung der testierbaren – in seinen Worten noch objektiven – Daten als die differenzierteste gelten:

»Dazu gehören das Geburtsdatum, Geburtsort, Geschlecht, Wohnort, Ausbildung, Beruf, Heiratsdaten, Kinderzahl, Einwohnerzahlen, Wohnraumaufteilung und dergleichen. Bei der Rekonstruktionsarbeit interessieren die Daten nun nicht an sich, vielmehr aufgrund der Annahme, daß die hierin objektivierten Lebensumstände auf lebenspraktische Entscheidungen verweisen, die sich zu einer Typik des Handelns sukzessive verdichten. Das Verhältnis von objektiver Möglichkeit und faktisch gewählter Option unterliegt selbst wiederum einem kumulativen Prozeß. In dieser Kumulation liegt die objektive Einzigartigkeit eines biographischen Verlaufs.“ (Allert 1993: 332)

Nun muss man aber berücksichtigen, dass die testierbaren Daten in Abhängigkeit von der Fallbestimmung eine unterschiedliche Rolle spielen können. Wenn etwa Ulrich Oevermann die ›lebensgeschichtlichen Ausgangsbedingungen des Künstlers Delacroix‹ auslegt (1990: 19-32), so werden die testierbaren Daten, wie die Oevermannsche Zwischenüberschrift ja auch besagt, als Indikatoren für »die Hemmungen und die Chancen« (Mannheim 1928/1964: 542) – mit Fernand Braudel könnte man auch sagen: für die »obstacles« oder »soutiens«**) –, die die entsprechende Ausgangslage für die als Fall von künstlerischem Handeln (Oevermanns Gegenstand) zu analysierende Lebenspraxis Delacroix' spielen. Wäre nun allerdings die Familie Delacroix diejenige Lebenspraxis, die ich als Fall (etwa als Fall einer Familie der Bourgeoisie des revolutionären und nachrevolutionären Frankreichs) untersuchte, so wären testierbaren Daten – wie etwa die Zeugung und Geburt eines ›Nachzüglers‹ (Oevermann 1990: 21) – als Ausdrucksgestalten dieser Lebenspraxis zu analysieren.***)

Um die unterschiedliche Rolle der testierbaren Daten noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen, sei die von Bruno Hildenbrand mehrfach (1999, 2005) ausführlich – und nun nochmals auch für Fortgeschrittene (2018) – dargelegte Genogrammanalyse herangezogen. Das Datum der Verehelichung von A und B und das Datum der Geburt von C als erstem Kind von A und B kann einerseits – dann nämlich wenn C die Lebenspraxis ist, die ich als Fall meines Gegenstands analysiere (in der Sprache Hildenbrands: wenn C als Ego gilt) – als Indikator für die Ausgangslage der Lebenspraxis die ich als Fall von X (meinem Gegenstand) analysiere, gelten, anhand derer ich die »Hemmungen und Chancen« bestimme, die dieser Lebenspraxis in die Wiege gelegt wurden und damit eine Konstellation bilden, die in die Bildungsgeschichte der Lebenspraxis eingeht und an der sie sich abarbeitet – man kann dies in methodologischer Hinsicht als biographisch verankerte Eröffnungsparameter für die untersuchte Lebenspraxis bezeichnen. Andererseits können die genannten testierbaren Daten als Ausdrucksgestalt der untersuchten ehelichen und familialen Lebenspraxis von A und B analysiert werden, da »die hierin objektivierten Lebensumstände auf lebenspraktische Entscheidungen verweisen, die sich zu einer Typik des [ehelichen und familialen] Handelns [von A und B] sukzessive verdichten« (Allert 1993: 332).

Wenn man diese beiden Rollen, die testierbare Daten in der Anlayse spielen können, unterscheidet und entsprechend berücksichtig, dann löst sich die Schwierigkeit, testierbare Daten mit den Verfahren der Objektiven Hermeneutik zu analysieren, die Andreas Wernet und Thomas Wenzl (2015) dazu bewogen haben, hier von »Fallkonstruktion statt Fallrekonstruktion« zu sprechen, auf. Insbesondere das Verfahren der Sequenzanalyse, die ja darin besteht, die Handlungsoptionen der Lebenspraxis an einer Sequenzstelle gemäß geltender Regeln zu entwerfen, um auf dieser Folie zu bestimmen, was die Wahl der gewählten Option über die Fallstruktur besagt, und eben so sequenziell die Fallstrukturgesetzlichkeit zu rekonstruieren, ist für die Analyse testierbarer Daten als Ausdrucksgestalten der Lebenspraxis in dem o. g. Sinne opportun.****)



ANMERKUNGEN
*) Sie fand im Rahmen der »Fallwerkstatt Rekonstruktive Bildungsforschung« statt, Teilnehmer waren neben Andreas Wernet und mir u. a. auch Thomas Wenzl und Katharina Kunze.

**) »Certaines structures, à vivre longtemps, deviennent des éléments stables d’une infinité de générations: elles encombrent l’histoire, en gênent, donc en commendent l’écoulement. […] toutes sont à la fois soutiens et obstacles.« (Braudel, 1958: 731)

***) Um die ›lebensgeschichtlichen Ausgangsbedingungen des Künstlers‹ zu bestimmen und um analysieren zu können, was diese für die Bildungsgeschichte der untersuchten Lebenspraxis bedeuten, wechselt Oevermann in seinem Aufsatz zwischenzeitlich in die genannte Perspektive.

****) Zur Kritik an Wenzl und Wernet s. Loer 2015, insbes. 303-313, wo auch darauf verwiesen wird, dass geltende Regeln u. U. – anders als es meist für sprachliche Regeln gilt – erst rekonstruiert bzw. der Literatur entnommen werden müssen; allerdings habe ich dort eben die Unterscheidung zwischen testierbaren Daten als Indikatoren für »die Hemmungen und die Chancen«, denen eine Lebenspraxis ausgesetzt ist, und testierbaren Daten als Ausdrucksgestalten der untersuchten Lebenspraxis noch nicht gemacht.

LITERATUR

Allert, Tilman (1993): Familie und Milieu. Die Wechselwirkung von Binnenstruktur und Außenbeziehung am Beispiel der Familie Albert Einsteins. In: Jung, Thomas; Müller-Doohm, Stefan (ed.), „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 329-357

Braudel, Fernand (1958): La longue durée. In: Annales Économies Sociétés Civilisations: 725-753

Hildenbrand, Bruno (1999): Fallrekonstruktive Familienforschung. Anleitungen für die Praxis. Opladen: Leske + Budrich
Hildenbrand, Bruno (2005): Einführung in die Genogrammarbeit. Heidelberg: Carl Auer-Systeme Verlag
Hildenbrand, Bruno (2018): Genogrammarbeit für Fortgeschrittene. Vom Vorgegebenen zum Aufgegebenen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH

Loer, Thomas (2015): Diskurspraxis – Konstitution und Gestaltung. Testierbare Daten – Methodologie der Rekonstruktion. Objektive Hermeneutik in der Diskussion. In: sozialer sinn 2: 291-317

Mannheim, Karl (1928/1964): Das Problem der Generationen. In: ders., Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, Berlin, Neuwied: Luchterhand, 509-556

Oevermann, Ulrich (1990): Eugène Delacroix – biographische Konstellation und künstlerisches Handeln. In: Georg Büchner Jahrbuch 1986/87: 12-58

Wenzl, Thomas; Wernet, Andreas (2015): Fallkonstruktion statt Fallrekonstruktion. Zum methodologischen Stellenwert der Analyse objektiver Daten. In: sozialer sinn 1: 85-101

Donnerstag, 15. November 2018

Lesarten (Terminologie)

In der Objektiven Hermeneutik werden Lesarten u. a. danach unterschieden, in welchem Verhältnis sie zur zu analysierenden Ausdrucksgestalt stehen. Die erste (I) Unterscheidung ist diejenige danach, ob sie mit der Ausdrucksgestalt (a) kompatibel sind oder (b) nicht. Dabei können die Lesarten, die nicht mit der Ausdrucksgestalt kompatibel sind, – wenn sie im Zuge der Interpretation überhaupt auftauchen – relativ rasch ausgeschieden werden.

ad Ib
Beim zu analysierenden Protokoll handelt es sich um eine Videoaufzeichnung, die ein fahrendes Auto zeigt, in dem ein Mann zu erkennen ist, der die Hände am Steuer hat.*) Mit der Ausdrucksgestalt nicht kompatibel ist etwa die Lesart, es handele sich in Wirklichkeit um einen Mann in der Badewanne; diese kann einfach ausgeschlossen werden. Dass solche Lesarten überhaupt auftauchen, kann an einer ideosynkratischen Assoziation liegen, die als ideosynkratische und als bloße, in individuell besonderer Erfahrung fundierte Assoziation objektive Geltung nicht beanspruchen kann.

Die zweite (II) Unterscheidung ist diejenige danach, ob die Lesart von der Ausdrucksgestalt (a) "erzwungen" ist oder (b) nicht. Dabei sind diejenigen Lesarten, die mit der Ausdrucksgestalt kompatibel, aber nicht von ihr "erzwungen" sind, für die Analyse problematisch.

Ulrich Oevermann schreibt hierzu:
"Schwieriger ist demgegenüber der Umgang mit Lesarten, die zwar mit einer zu analysierenden Ausdrucksgestalt kompatibel sind, aber von dieser nicht im Sinne einer lückenlosen Ableitung von deren immanenten Markierungen erzwungen sind. Diese Lesarten, für die gilt, dass sie der 'Fall sein können, aber nicht sein müssen', sind im Sinne des schon genannten Wörtlichkeitsprinzips unbedingt zu vermeiden, denn sie 'vermüllen' die Analyse so wie degenerative Zusatzhypothesen eine Erklärung nur trüben. Diese Unterscheidung von zwar kompatiblen, aber nicht zwingenden Deutungen von solchen, die sich aus den Eigenschaften der Ausdrucksgestalt zwingend ableiten lassen, so dass für sie entweder gilt, dass sie nicht der Fall sein können, oder noch besser: der Fall sein müssen, ist außerordentlich wichtig und schwieriger zu realisieren als das Urteil über die Kompatibilität einer Lesart mit der gegebenen Ausdrucksgestalt. Die Beachtung dieser Unterscheidung ist für die Erklärungskraft der Analysen aber entscheidend und ermöglicht erst eine strikte Falsifikation."*)

ad Ia/IIb
Nehmen wir unser obiges Beispiel, so wäre die Lesart: "Im Auto sitzt ein Affe im Fußraum, der das Auto eigentlich steuert", mit der Ausdrucksgestalt kompatibel (Ia), aber nicht von ihr "erzwungen" (IIb).
Nun ist die Rede von "erzwungenen" bzw. "nicht erzwungenen" Lesarten m.E. irreführend, legt sie doch nahe, man könne gar nicht umhin, erstere zu bilden. Die von Oevermann verwendete Terminologie hängt zusammen mit der im zitierten Text auch zu findenden Rede von "zwingenden Deutungen". Dass eine Deutung zwingend ist, ist aber eine Feststellung, die nach dem Vorbringen dieser Deutung am Text geprüft wird, und sagt nichts darüber aus, woher diese Deutung stammt – ob die Ausdrucksgestalt sie etwa "erzwungen" hat.

Wenn wir stattdessen Lesarten danach unterscheiden, ob sie von der Ausdrucksgestalt indiziert sind oder nicht, können wir die irreführende Rede vermeiden.

ad Ia/IIa
Die vom Protokoll indizierte Lesart ist diejenige: "Der Mann steuert das Auto."

Eine Indikation ist von der Ausdrucksgestalt her zu denken: Die Ausdrucksgestalt zeigt etwas an, was dann "sich aus den Eigenschaften der Ausdrucksgestalt zwingend ableiten" lässt. Bloße Assoziationen sind hingegen der Ausdrucksgestalt unterlegt, und nicht von ihr angezeigt. – Das teilt der Terminus "indiziert" mit dem Terminus "erzwungen".
Aber: Was der Text anzeigt, muss vom Interpreten erst entdeckt, aufgedeckt werden. – Das unterscheidet den Terminus "indiziert" vom Terminus "erzwungen".

Insofern schlage ich vor, für die Unterscheidung von Lesarten neben der Rede davon, ob sie mit der Ausdrucksgestalt kompatibel sind, die Formulierung zu verwenden, ob sie von der Ausdrucksgestalt indiziert sind.


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*) Ich benutze ein von Ulrich Oevermann in Lehrveranstaltungen oft verwendetes Beispiel.

**) Oevermann, Ulrich (2013): Objektive Hermeneutik als Methodologie der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt. In: Langer, Phil C.; Kühner, Angela; Schweder, Panja (ed.), Reflexive Wissensproduktion. Anregungen zu einem kritischen Methodenverständnis in qualitativer Forschung, Wiesbaden: Springer Fachmedien, 69-98; hier 96 f.

Donnerstag, 8. November 2018

Sequenzanalyse

Die in der interpretativen Sozialforschung mittlerweile verbreitete Bezeichnung ‚Sequenzanalyse‘ (s. Maiwald 2005)*) meint häufig schlicht eine sequentielle Betrachtung von Protokollsegmenten, ohne dass diese in eine entsprechend methodologisch begründete Analyse mündete.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass die Sequenzanalyse nicht schlicht als Analyse von aufeinanderfolgenden Segmenten zu verstehen ist, sondern stets die – durch in der zu untersuchenden Praxis geltende Regeln konstituierten – Optionen zu entwerfen und die realisierte Option zu diesen in Relation zu setzen hat, um die Bedeutung dieser Auswahl bestimmen zu können. Erst wenn man die geltenden Regeln methodologisch würdigt, kann man bestimmen und begründen, welche Bedeutung ein Handlungssegment an einer bestimmten Sequenzstelle hat; dass etwa ein Sich-Kratzen oder ein Husten nicht lediglich „outbreaks of nature“ sind, sondern bedeutungshafte Momente der Handlungssequenz, kann man mit Hilfe der Relevanzregel nicht nur deskriptiv und quasi paraphrasierend aus den Reaktionen der Interaktionsbeteiligten ablesen (s. Knoblauch 2009: 187)**), sondern in ihrer objektiven Bedeutung bestimmen, womit auch das Darauf-nicht-Reagieren der Beteiligten eine bedeutungshafte Handlung darstellt.

Sequenzanalyse ist also konstitutionstheoretisch begründet und ohne diese Begründung nichts weiter als eine Verbrämung eines beliebigen (und beliebten) forschungspragmatischen Vorgehens. Methodologisch begründet ist die Sequenzanalyse in der Explikation des Gegenstandskonstitutivums der Sequentialität. Sequentialität menschlicher Praxis erschöpft sich nicht in schlichter temporaler Abfolge. Sequentialität ist vielmehr Ausfluss der Regelgeleitetheit von Handeln. In gebotener Kürze sei hier festgehalten, dass Regelgeleitetheit von Handeln einerseits bedeutet, dass dem Handelnden von den sein Handeln bestimmenden (nicht: determinierenden) Regeln Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden; dass andererseits dadurch, dass Handeln an Optionen eröffnenden Regeln orientiert ist, die Freiheit des Handelnden als Entscheidungsinstanz konstituiert wird. Handeln ist also Auswahl aus Optionen und genau dies erfasst der Begriff der Sequentialität.
Das Aufeinanderfolgen, das mit dem Terminus ‚Sequentialität‘ auf den Begriff gebracht wird, ist primordial ein Antworten auf Optionen eröffnende Handlungen bzw. Konstellationen und erst sekundär ein zeitliches.***)

*) Maiwald, Kai-Olaf (2005): Competence and Praxis: Sequential Analysis in German Sociology. In: FQS 3: Art. 31

**) Knoblauch, Hubert (2009): Social constructivism and the three levels of video analysis. In: Kissmann, Ulrike Tikvah (ed.): Video Interaction Analysis. Methods and Methodology.
Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang: 181-198

***) s: Loer, Thomas (2010): Videoaufzeichungen in der interpretativen Sozialforschung. Anmerkungen zu Methodologie und Methode. In: sozialer sinn 2 (11): 319-352; 229 f.

ad "objektive Daten"

Da in der Objektiven Hermeneutik nach wie vor der – missverständliche – Terminus "objektive Daten" verwendet wird, möchte ich folgende terminologische Klärung zur Diskussion stellen:

»Es handelt sich hier […] um eine Bestimmung des Datentypus von seiner Erhebungsform her: der möglichen Erhebung aus Quellen, die nicht nur vom Fall sondern überhaupt von subjektiver Selektivität unabhängig sind: „Dazu gehören das Geburtsdatum, Geburtsort, Geschlecht, Wohnort, Ausbildung, Beruf, Heiratsdaten, Kinderzahl, Einwohnerzahlen, Wohnraumaufteilung und dergleichen.“ (Allert 1993: 332)*) Dabei müssen die Daten nicht aktuell faktisch so erhoben worden sein […], sie müssen aber grundsätzlich anhand solcher unabhängiger Quellen überprüfbar sein. Die begriffliche Bestimmung der als objektive bezeichneten Daten, wie sie von Oevermann und nachfolgend hier von Allert vorgenommen wurde, ist konsistent und ausreichend. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Ausdruck ‚objektive Daten‘ terminologisch hinreichend prägnant ist. So legt der Terminus es ja durchaus nahe, den ‚objektiven Daten‘ ‚subjektive Daten‘ zur Seite stellen zu wollen.[Dazu hat sich etwa Boris Zizek verführen lassen (2012).**)] Die Rede von subjektiven Daten ist aber in sich unsinnig, da Daten die Grundlage methodischer Analysen bieten und methodologisch die Objektivität der Daten: die „Objektivität des Protokolls“ (Oevermann 2004)***), unabdingbar ist. Was auch immer also ‚subjektive Daten‘ sein mögen, für eine methodische Rekonstruktion sind sie unerheblich. Deshalb schlagen wir vor, diejenigen Daten, die unabhängig von subjektiver Selektivität erhoben und mittels unabhängiger Testate überprüft werden können, mit dem Terminus ‚testierbare Daten‘ auf den Begriff zu bringen. Damit ist auch klar, was Allert fortfahrend formuliert: „Bei der Rekonstruktionsarbeit interessieren die Daten nun nicht an sich, vielmehr aufgrund der Annahme, daß die hierin objektivierten Lebensumstände auf lebenspraktische Entscheidungen verweisen, die sich zu einer Typik des Handelns sukzessive verdichten. Das Verhältnis von objektiver Möglichkeit und faktisch gewählter Option unterliegt selbst wiederum einem kumulativen Prozeß. In dieser Kumulation liegt die objektive Einzigartigkeit eines biographischen Verlaufs.“ (Allert 1993: 332)« (Loer 2015: 303)****)

*) Allert, Tilman (1993): Familie und Milieu. Die Wechselwirkung von Binnenstruktur und Außenbeziehung am Beispiel der Familie Albert Einsteins. In: Jung, Thomas; Müller-Doohm, Stefan (ed.), „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 329-357; hier: 332
**) Zizek, Boris (2012): Vollzug und Begründung, objektive und subjektive Daten – Eine Parallele?. In: sozialer sinn 1 (13): 39-56
***) Oevermann, Ulrich (2004): Objektivität des Protokolls und Subjektivität als Forschungsgegenstand. In: ZBBS 2: 311-336
****) Loer, Thomas (2015): Diskurspraxis – Konstitution und Gestaltung. Testierbare Daten – Methodologie der Rekonstruktion. Objektive Hermeneutik in der Diskussion. In: sozialer sinn 2 (16): 291-317

Donnerstag, 18. Oktober 2018

avenidas – zum Gedicht von Eugen Gomringer

nun erschienen:

Loer, Thomas (2018): Das Gedicht an der Wand. Analyse des Gedichts avenidas von Eugen Gomringer sowie seiner öffentlichen Präsentation. In: sozialer sinn 19/1: 191-226

Zusammenfassung

Um ein Gedicht von Eugen Gomringer, das an einer Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin angebracht worden war, gab es eine umfangreiche öffentliche Debatte. Dabei wurde lediglich der Inhalt des Gedichts berücksichtigt: als diskriminierend, da in ihm Frauen als Gegenüber der Bewunderung erwähnt werden. Und die Verteidiger der Anbringung an der Wand sahen lediglich darin, dass das Gedicht so, d. h. aus Gründen der political correctness abgelehnt wurde, abstrakt einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit der Kunst im allgemeinen. Das Gedicht qua Gedicht spielte keine Rolle. Ob und ggf. warum das Gedicht zu Recht als „eines der bedeutenden Gedichte der modernen Lyrik“ gilt und was eigentlich die pragmatische Rahmung der Präsentation für ein Gedicht bedeutet, blieb ungefragt. Zur Beantwortung dieser nicht unerheblichen Fragen wird in dem vorliegenden Beitrag zunächst das Gedicht selbst analysiert und dann die pragmatische (Um-) Rahmung untersucht. Beide Analysen verfahren nach der Methode die Objektive Hermeneutik. Dabei zeigt sich, dass es sich bei dem Gedicht um ein autonomes Kunstwerk handelt, das dem Leser Welt eröffnet. In der Präsentation aber wie in der Debatte darum wird es auf eine seinen Werkcharakter missachtende und es so ruinierende Weise instrumentalisiert. Dazu trägt auch bei, dass das im Gedicht thematische Geschlechterverhältnis über den Gender-Leisten der Geschlechterdiskriminierung geschlagen wird, wodurch die Dimensionen der Geschlechterspannung, die in dem Gedicht nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern zugleich in einer sinnlichen Gestalt als konkrete Reziprozität erfahrbar gemacht werden, auf eine: die der Ungleichheit, reduziert werden. Diese Reduktion wird durch das Gedicht, aber durch seine plakative Präsentation nahegelegt; diese macht, was die Debatte dann aufnimmt, aus dem Gedicht – so oder so – ein Menetekel und setzt es herab zum geistlosen Götzen der leerlaufenden Aufmerksamkeit.

Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung – als Buch erschienen

Der Studienbrief ist nun als Buch erschienen:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas (ed.) (2018): Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS

Hier der Inhalt:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas
Von der Forschungsfrage über Feld und Fall zur Theorie – Zur Einleitung (1-56)

Wernet, Andreas
Wie kommt man zu einer Fallstrukturhypothese? (57-84)

Funcke, Dorett
Die Gleichgeschlechtliche Inseminatinosfamilie. Gegenstandsbestimmung, Dimensionsanalyse und Methodisches (85-126)

Bohler, Karl Friedrich
Eine Fallgeschichte im Feld sozialer Hilfen (127-156)

Franzmann, Andreas
Objektiv-hermeneutische Falldiagnostik im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe (157-192)

Jung, Matthias
Die Analyse materieller Kultur mit der Methode der Objektiven Hermeneutik (193-216)

Maiwald, Kai-Olaf
Stand by Me: Was können Fotografien über Paarbeziehungen aussagen? (217-254)

Liebermann, Sascha
„…ich möchte unabhängig sein…“ Autonomie in der öffentlichen Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine exemplarische Deutungsmusteranalyse (255-288)

Twardella, Johannes
Über die Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts und die dabei auftretenden methodologischen Probleme (289-327)

Münte, Peter
Verlaufsformen fallrekonstruktiver Forschung: Methodologische Reflexion einer Untersuchung zum Berufshabitus von Umweltmediatoren (329-370)


Mittwoch, 31. Januar 2018

avenidas – zum Gedicht von Eugen Gomringer

Eine vorläufige Analyse des von den Studenten inkriminierten Gedichts "avenidas" von Eugen Gomringer, das die Alice-Salomon-Hochschule auf ihrer Fassade präsentierte und das nun übermalt werden soll, sowie eine vorläufige Analyse der Präsentation finden sich in folgendem Manuskript:

Loer, Thomas (2018): Avenidas de mundo. Analyse eines Gedichts von Eugen Gomringer. Overberge (Tpskr.; Fassung vom 3. Febr. 2018, 11:54; 13 S.)

Es wurde mittlerweile eingereicht:
Loer, Thomas (2018): Das Gedicht an der Wand. Analyse des Gedichts avenidas von Eugen Gomringer sowie seiner öffentlichen Präsentation. Overberge (Tpskr.; 16 S.; überarbeitete Fassung (v_3) eingereicht bei sozialersinn am 16. Febr. 2018)