Donnerstag, 18. Oktober 2018

avenidas – zum Gedicht von Eugen Gomringer

nun erschienen:

Loer, Thomas (2018): Das Gedicht an der Wand. Analyse des Gedichts avenidas von Eugen Gomringer sowie seiner öffentlichen Präsentation. In: sozialer sinn 19/1: 191-226

Zusammenfassung

Um ein Gedicht von Eugen Gomringer, das an einer Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin angebracht worden war, gab es eine umfangreiche öffentliche Debatte. Dabei wurde lediglich der Inhalt des Gedichts berücksichtigt: als diskriminierend, da in ihm Frauen als Gegenüber der Bewunderung erwähnt werden. Und die Verteidiger der Anbringung an der Wand sahen lediglich darin, dass das Gedicht so, d. h. aus Gründen der political correctness abgelehnt wurde, abstrakt einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit der Kunst im allgemeinen. Das Gedicht qua Gedicht spielte keine Rolle. Ob und ggf. warum das Gedicht zu Recht als „eines der bedeutenden Gedichte der modernen Lyrik“ gilt und was eigentlich die pragmatische Rahmung der Präsentation für ein Gedicht bedeutet, blieb ungefragt. Zur Beantwortung dieser nicht unerheblichen Fragen wird in dem vorliegenden Beitrag zunächst das Gedicht selbst analysiert und dann die pragmatische (Um-) Rahmung untersucht. Beide Analysen verfahren nach der Methode die Objektive Hermeneutik. Dabei zeigt sich, dass es sich bei dem Gedicht um ein autonomes Kunstwerk handelt, das dem Leser Welt eröffnet. In der Präsentation aber wie in der Debatte darum wird es auf eine seinen Werkcharakter missachtende und es so ruinierende Weise instrumentalisiert. Dazu trägt auch bei, dass das im Gedicht thematische Geschlechterverhältnis über den Gender-Leisten der Geschlechterdiskriminierung geschlagen wird, wodurch die Dimensionen der Geschlechterspannung, die in dem Gedicht nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern zugleich in einer sinnlichen Gestalt als konkrete Reziprozität erfahrbar gemacht werden, auf eine: die der Ungleichheit, reduziert werden. Diese Reduktion wird durch das Gedicht, aber durch seine plakative Präsentation nahegelegt; diese macht, was die Debatte dann aufnimmt, aus dem Gedicht – so oder so – ein Menetekel und setzt es herab zum geistlosen Götzen der leerlaufenden Aufmerksamkeit.

Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung – als Buch erschienen

Der Studienbrief ist nun als Buch erschienen:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas (ed.) (2018): Vom Fall zur Theorie. Auf dem Pfad der rekonstruktiven Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS

Hier der Inhalt:

Funcke, Dorett; Loer, Thomas
Von der Forschungsfrage über Feld und Fall zur Theorie – Zur Einleitung (1-56)

Wernet, Andreas
Wie kommt man zu einer Fallstrukturhypothese? (57-84)

Funcke, Dorett
Die Gleichgeschlechtliche Inseminatinosfamilie. Gegenstandsbestimmung, Dimensionsanalyse und Methodisches (85-126)

Bohler, Karl Friedrich
Eine Fallgeschichte im Feld sozialer Hilfen (127-156)

Franzmann, Andreas
Objektiv-hermeneutische Falldiagnostik im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe (157-192)

Jung, Matthias
Die Analyse materieller Kultur mit der Methode der Objektiven Hermeneutik (193-216)

Maiwald, Kai-Olaf
Stand by Me: Was können Fotografien über Paarbeziehungen aussagen? (217-254)

Liebermann, Sascha
„…ich möchte unabhängig sein…“ Autonomie in der öffentlichen Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine exemplarische Deutungsmusteranalyse (255-288)

Twardella, Johannes
Über die Arbeit an einer Strukturtheorie des Unterrichts und die dabei auftretenden methodologischen Probleme (289-327)

Münte, Peter
Verlaufsformen fallrekonstruktiver Forschung: Methodologische Reflexion einer Untersuchung zum Berufshabitus von Umweltmediatoren (329-370)


Donnerstag, 4. Juni 2015

ad: Garz, Detlef; Raven, Uwe (2015): Theorie der Lebenspraxis. Einführung in das Werk Ulrich Oevermanns. Wiesbaden: Springer VS | vorläufig

Nachdem das o. g. Buch nun erschienen ist (und auch noch in der Arbeitsgemeinschaft Objektive Hermeneutik beworben wird), halte ich es für erforderlich, direkt -- wenngleich auch vorläufig -- auf einige Aspekte hinzuweisen: Bei der Lektüre der vorab frei verfügbaren Seiten war insbesondere festzustellen, dass der Begriff der Krise dort nicht klar wird, da nicht deutlich zwischen dem (analytischen) Gegensatz Krise vs. Routine und dem (alltagspraktischen) Gegensatz "Kleinigkeit" vs. dramatischer Entscheidung unterschieden wird; damit hängt des weiteren eine Verzerrung im Begriff des Entscheidungszwangs zusammen, was auch aus Oevermanns terminologischer Festlegung resultiert (s. dazu: Loer, Thomas (2007): Die Region. Eine Begriffsbestimmung am Fall des Ruhrgebiets. Stuttgart: Lucius; daraus den "Exkurs zu Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung", S. 32-35); keineswegs aber ist der konstitutive "Entscheidungszwang" etwas, das zur Entscheidungskrise hinzutritt, wie es die Abb. 2.1, S. 29 in Garz/Raven 2015 suggeriert. Auch beim Begriff (unerfindlich, warum lediglich von "Konstrukt" die Rede ist) der Lebenspraxis gibt es Unklarheiten, da es einmal heißt: "Jeder Mensch und jede menschliche Gemeinschaft hat eine Lebenspraxis." (S. 26) -- was suggeriert, es gäbe ein Agens 'hinter' der Lebenspraxis; und einmal: "dass Lebenspraxis jene verschieden aggregierte humane Einheit ist" (ebd.) -- was Oevermanns Auffassung entspricht, wie aus dem dort anschließenden Zitat hervorgeht. Zudem wird der Begriff der objektiven Sinnstruktur verunklart, da er anstelle von "Fallstruktur" (S. 31) gesetzt wird. -- Vgl. dazu deutlich Oevermann: „Dieser Begriff der Fallstruktur ist scharf von dem der latenten Sinnstruktur zu scheiden.“ (Oevermann, Ulrich (2013): Objektive Hermeneutik als Methodologie der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt. In: Langer, Phil C.; Kühner, Angela; Schweder, Panja (ed.), Reflexive Wissensproduktion. Anregungen zu einem kritischen Methodenverständnis in qualitativer Forschung, Wiesbaden: Springer Fachmedien, 69-98; hier: 75) -- Eine Stichprobe im erschienen Werk, lässt darüber hinaus vermuten, dass die Autoren Oevermanns Theorie systematisch mindestens missverständlich darstellen – etwa da wo sie ein Beispiel Oevermanns heranziehen: "Ein anderes eher profanes Beispiel für Krise als das zu Prädizierende ergibt sich aus folgender alltäglichen Situation: Es ist Nacht und ‚S‘ schläft tief und fest. Ein plötzlich auftretendes lautes Geräusch, ein Knall, schreckt ‚S‘ auf. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, weil die Ursache des Geräuschs, das ‚P‘, nicht unmittelbar bestimmt werden kann." -- Bei Oevermann zumindest ist 'P‘ das Prädikat. Das heißt, unbestimmt ist nicht das 'P‘, sondern ein 'X‘, das erst durch ein 'P‘ bestimmt werden muss. -- All diese Beobachtung lassen es dringlich erforderlich erscheinen, das Buch einer sorgfältigen Rezension zu unterziehen, wird es doch vermutlich auf länger Sicht als "die" "Einführung in das Werk Ulrich Oevermanns" wahrgenommen werden.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Die Bedeutung der materialen Fragestellung für das methodische Vorgehen…

…berücksichtigend, habe ich meine Pläne bzgl. des Arbeitsbuchs geändert. Da eine reine Methodeneinführung der objektiven Hermeneutik nicht angemessen ist, habe ich nach Möglichkeiten gesucht, den gleichwohl vorhandenen Wünschen nach einer entsprechenden Einführung nachzukommen und der Besonderheit der objektiven Hermeneutik gerecht zu werden – also die Sachangemessenheit der Methode integral in ihre Darstellung aufzunehmen. Das kann nicht ein Autor allein leisten.
Ein Beispiel, in dem das m. E. hervorragend gelungen ist, bietet der folgende Aufsatz: Ritter, Bertram; Žižek, Boris (2014): Aufschlusspotentiale – Zur schöpferisch-ausdruckshaften Aneignung der Primärgruppe und der eigenen Positioinalität in Kinderzeichnungen. In: Kraimer, Klaus (ed.), Aus Bildern lernen. Optionen einer sozialwissenschaftlichen Bild-Hermeneutik, Ibbenbüren: Münstermann, 107-164.
Die Erarbeitung einer Einführung in die objektive Hermeneutik hat sich m. E. an solch einem Beispiel – in diesem geht es um Bildanalyse mit der objektiven Hermeneutik – zu bemessen. Eine Serie von Arbeitsheften, die solche Beispiele, die aus materialen Forschungen hervorgegangen sind, mit dem Rahmen einer expliziten methodologischen Begründung versieht, wäre opportun. Ich werde mich um Verlag und interessierte Autoren solcher Aufsätze, die materiale Forschungsergebnisse bei gleichzeitiger expliziter Darstellung des Vorgehens darlegen, bemühen. Zuschriften willkommen.

Dienstag, 13. Mai 2014

Rekonstruktive Beobachtung – Artikel in Arbeit

Das Konzept der rekonstruktiven Beobachtung wurde von dem deutsch-amerikanischen Designer Armin Möhrle (Chicago/IL/USA) und dem Autor aus der gemeinsamen Beratungspraxis heraus entwickelt. Es ist damit ein bestimmter Modus der Datenerhebung in sozialwissenschaftlichen Forschungsprozessen und in Beratungsprozessen auf den Begriff gebracht. In diesem Erhebungsmodus werden Personen während ihrer Arbeit oder anderer Tätigkeiten, die untersucht werden sollen, beobachtet, und es werden Gespräche mit ihnen geführt. Während der Forscher, der mittels des Verfahrens der teilnehmenden Beobachtung Daten erhebt, fragt: „What the hell is going on here?“ (Geertz 1973) und versucht, Zugang zu der Praxis, die er untersuchen will, zu erlangen, indem er in ihre Realität eintaucht und an ihr teilnimmt, fragt der Forscher, der rekonstruktiv beobachtet: „If Jesus is the answer – what was the question?“ und versucht, während er sie beobachtet, das Problem zu rekonstruieren, für welches die beobachteten Handlungen die Lösung darstellen. So, als Forscher – und nicht als Teilnehmer –, stellt er die erforderliche Distanz zu der Praxis immer wieder her, während deren Vollzug er anwesend ist. 

Der in Arbeit befindliche Artikel – zugleich ein Abschnitt zum Kapitel "Datenerhebung" des Arbeitsbuchs (s.u.) – wird die Differenz zur "teilnehmenden Beobachtung" und die Spezifik der rekonstruktiven Beobachtung darstellen.

Geplant ist, ihn für einen Themenschwerpunkt "Rekonstruktion" bei "sozialer sinn" einzureichen.